Zehn Jahre LEKA MV

Zehn Jahre, zehn Fragen: Geschäftsführer Gunnar Wobig über die LEKA MV, Beteiligung und Akzeptanz

Die Landesenergie- und Klimaschutzagentur Mecklenburg-Vorpommern GmbH (LEKA MV) wurde am 24. Juni 2026 zehn Jahre alt. Zeit für ein Gespräch mit unserem Geschäftsführer Gunnar Wobig: über den Gründungsauftrag der Agentur, die häufigsten Fragen aus Kommunen und Unternehmen, die Wirkung des Bürger- und Gemeindenbeteiligungsgesetzes und darüber, was Akzeptanz vor Ort wirklich braucht.

Rückblick und Gründung

Zehn Jahre LEKA MV: Warum wurde die Landesenergie- und Klimaschutzagentur 2016 gegründet und welchen Auftrag hat sie vom Land Mecklenburg-Vorpommern bekommen?

Portrait Gunnar Wobig

Gunnar Wobig, Geschäftsführer der LEKA MV

Gunnar Wobig: Der Anlass war unter anderem ein Gesetz, das es so vorher nirgendwo gab: das Bürger- und Gemeindenbeteiligungsgesetz. Mecklenburg-Vorpommern hat 2016 als erstes Bundesland geregelt, dass Betreiber von Windenergieanlagen die Gemeinden und die Menschen vor Ort finanziell beteiligen müssen. Damit dieses Gesetz in der Praxis ankommt, gründete das damalige Energieministeriu

m im selben Jahr die LEKA MV, mit damals drei Mitarbeitenden. Unser Auftrag: das Gesetz bekannt machen und sowohl Kommunen als auch Vorhabenträger bei der Anwendung unterstützen. Aus diesem Gründungsauftrag ist in zehn Jahren ein breites Angebot rund um Energieeffizienz, erneuerbare Energien und Klimaschutz gewachsen.

Gestartet seid ihr mit drei Mitarbeitenden, heute sind es 13 Fachkräfte in Stralsund, Schwerin und Neustrelitz. Was genau macht die LEKA MV heute und für wen?

GW: Wir sind Ansprechpartner Nummer eins für die Energiewende im Land. Unsere Kommunalberatung unterstützt die mehr als 700 Städte, Ämter und Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern – von der finanziellen Beteiligung an Wind- und Solarparks über baurechtliche Fragen bis hin zum kommunalen Klimaschutz. Mit unserem Angebot MVeffizient beraten wir Unternehmen, die Energie und Kosten sparen wollen. Und wir vernetzen die Akteure der Energiewende in Schulungen, Veranstaltungen und Netzwerktreffen. Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist dabei, komplexe bundes- und landesrechtliche Regelungen verständlich zu machen.

Beratung in der Praxis

Das Team der LEKA MV hat mehr als 3.000 Beratungen in zehn Jahren durchgeführt. Wer kann sich an die LEKA MV wenden? Und stimmt es, dass die Beratung wirklich kostenlos ist?

GW: Ja, das stimmt und das ist uns wichtig. Als landeseigene Einrichtung beraten wir kostenlos und neutral. Wir verkaufen nichts und vertreten keine wirtschaftlichen Interessen. Wenden kann sich jeder an uns: Gemeindevertretungen, Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, Verwaltungen, Unternehmen, Vorhabenträger und Privathaushalte. Natürlich entstehen Kosten, wenn empfohlene Maßnahmen später umgesetzt werden, etwa bei einer neuen Heizungsanlage oder einer Photovoltaikanlage. Für viele Vorhaben gibt es aber auch Förderprogramme und wir zeigen den Weg dorthin. Dass dieses Angebot gebraucht wird, zeigen die Zahlen: 3.048 Beratungen seit 2016.

Mit welchen Fragen kommen Kommunen und Unternehmen aktuell am häufigsten zu euch?

GW: Bei den Kommunen steht die finanzielle Beteiligung klar an erster Stelle – aber die Fragen haben sich in zehn Jahren deutlich gewandelt. Am Anfang hörten wir oft: Bekommt unsere Gemeinde Geld für den Windpark, ja oder nein? Heute sind die Anliegen viel komplexer. Es geht um baurechtliche Fragen oder darum, wie sich eine Kommune selbst unternehmerisch an einem Projekt beteiligen kann und welche Formate dafür infrage kommen. Daran merken wir: In den Gemeinden ist über die Jahre viel Fachwissen angekommen. Bei den Unternehmen geht es vor allem um steigende Energiekosten. Unsere Technischen Berater von MVeffizient haben seit 2018 insgesamt 721 kostenlose Energieeffizienzberatungen durchgeführt – von der Abwärmenutzung über Photovoltaik auf dem Firmendach bis hin zur E-Mobilität im Fuhrpark.

Beteiligung und Akzeptanz

Rund 220 Millionen Euro fließen über das Bürger- und Gemeindenbeteiligungsgesetz an Gemeinden sowie Bürgerinnen und Bürger. Wie funktioniert die finanzielle Beteiligung an Windenergieanlagen konkret und was muss eine Gemeinde dafür tun?

GW: Das Gesetz verpflichtet Betreiber von Windenergieanlagen, die Gemeinden im Umkreis und deren Einwohnende finanziell zu beteiligen. Für die bisher 300 erfassten Anlagen werden über eine Laufzeit von 20 Jahren rund 220 Millionen Euro vor Ort ausgeschüttet: etwa 176 Millionen Euro an die Gemeinden, knapp 21 Millionen Euro direkt an Bürgerinnen und Bürger sowie rund 23 Millionen Euro als Spenden an gemeinwohlorientierte Einrichtungen. Im Schnitt bleiben so mehr als 36.700 Euro pro Anlage und Jahr in der Region. Die Gemeinde muss dafür aktiv werden und die passende Beteiligungsform mit dem Betreiber vereinbaren. Genau hier setzen wir an, vor allem bei den ehrenamtlichen Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern. Wir beraten individuell, informieren auf Veranstaltungen und vermitteln Wissen in Schulungen und mit Handouts. In Rollenspielen zeigen wir Gemeindevertretungen sogar, wie ein Gespräch mit einem Vorhabenträger ablaufen könnte. So können sie die Möglichkeiten einschätzen und die beste Entscheidung für ihre Kommune treffen.

Das Gesetz wurde in diesem Jahr novelliert und gilt jetzt auch für Photovoltaik-Freiflächenanlagen. Was ändert sich dadurch für die Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern?

GW: Die wichtigste Änderung ist die Höhe der Beteiligung. Das novellierte Gesetz legt Standardbeträge fest: Bei neuen Windenergieanlagen sowie beim Repowering, also dem Ersatz alter Anlagen, erhalten Gemeinden und Bürgerinnen und Bürger jeweils 5.000 Euro pro Megawatt Leistung und Jahr. Erstmals sind auch Solarparks verpflichtend einbezogen, hier sind es jeweils 1.000 Euro pro Megawatt und Jahr. Ein Beispiel: Ein Windpark mit sieben Anlagen zu je sechs Megawatt bringt 420.000 Euro pro Jahr in die Region. Gemeinden und Betreiber können Art und Höhe der Beteiligung weiterhin individuell vereinbaren, Standardmodelle und Musterverträge machen die Umsetzung dabei deutlich einfacher. Wichtig zu wissen: Auch für Bestandsanlagen gibt es eine Möglichkeit der finanziellen Beteiligung. Der bundesweit geltende § 6 EEG erlaubt es Vorhabenträgern seit 2023, Gemeinden auch an bereits bestehenden Windenergie- und Photovoltaik-Freiflächenanlagen zu beteiligen. Damit Gemeinden auf die jeweiligen Betreiber zugehen können, haben wir ein Musteranschreiben als Formulierungshilfe erstellt.

Windräder und Solarparks sorgen vor Ort nicht immer für Begeisterung. Was braucht es aus deiner Erfahrung, damit die Energiewende vor Ort akzeptiert wird? Reicht Geld allein?

GW: Nein, Geld allein reicht nicht. Das wissen wir aus zehn Jahren Erfahrung: Finanzielle Beteiligung schafft Anreize. Aber Akzeptanz entsteht nur, wenn die Menschen vor Ort aktiv einbezogen werden. Deshalb setzt unsere Arbeit viel früher an, bei einer frühzeitigen und transparenten Kommunikation. Mit Informationsveranstaltungen, Beratungen und lokalen Netzwerken fördern wir den Dialog auf Augenhöhe zwischen Anwohnenden, Gemeinden und Vorhabenträgern. Wer von Anfang an mitreden kann, seine Bedenken einbringen darf und am Ende auch finanziell profitiert, steht einem Projekt ganz anders gegenüber. Hinzu kommt: Die Energiewende lohnt sich für das Land auch wirtschaftlich. Eine im April 2026 veröffentlichte Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums beziffert die regional verbleibende Wertschöpfung aus erneuerbaren Energien in Mecklenburg-Vorpommern allein für 2023 auf mindestens 129 Millionen Euro, durch Arbeitsplätze, kommunale Steuereinnahmen und lokale Investitionen. Die Studie empfiehlt zudem, eine an unserem Beteiligungsgesetz orientierte Regelung auf Bundesebene zu prüfen. Beides gehört für mich zusammen: Die Energiewende muss vor Ort Nutzen stiften und die Menschen müssen daran teilhaben können.

Highlights und Persönliches

Wenn du auf zehn Jahre zurückblickst: Was waren deine persönlichen Highlights?

GW: Das größte Highlight ist für mich das Team. Wir sind von drei auf 13 Fachkräfte gewachsen, an drei Standorten im Land. Und in diesen zehn Jahren ist nicht nur die Agentur gewachsen, einige Kolleginnen und Kollegen sind in dieser Zeit Eltern geworden. Solche Momente machen mir bewusst, wie viel Leben in zehn Jahren steckt. Auch privat haben mich die zehn Jahre geprägt: Meine Enkelkinder sind in dieser Zeit geboren. Wenn ich an sie denke, weiß ich, wofür wir die Energiewende eigentlich machen.

Dankbar bin ich auch für das Vertrauen, das uns das Land und das Wirtschaftsministerium über all die Jahre entgegengebracht haben. Es ist die Grundlage unserer Arbeit. Beeindruckt hat mich außerdem, wie sich Mecklenburg-Vorpommern entwickelt hat. Aus einem agrargeprägten Land ist einer der wichtigsten Energiestandorte Deutschlands geworden, der seinen Strombedarf rechnerisch schon heute mehr als doppelt durch erneuerbare Energien decken kann. Daran mitzuwirken, das ist für mich das eigentliche Highlight dieser zehn Jahre.

Ausblick

Mit BEEKOMM und Kom.EMS starten im Jubiläumsjahr zwei neue Angebote. Was steckt dahinter und wie profitieren Städte, Ämter und Gemeinden davon?

GW: Mit dem Verbundprojekt BEEKOMM, das steht für Beschleunigung des Ausbaus von erneuerbaren Energien in Kommunen, begleiten wir Städte, Ämter und Gemeinden künftig noch enger bei der Umsetzung konkreter Energiewendeprojekte: fachlich, strategisch und kommunikativ. Dafür haben wir sechs neue Stellen geschaffen. Kom.EMS ist ein Online-Werkzeug für kommunales Energiemanagement, das sich bereits in neun Bundesländern bewährt hat. Es hilft Kommunen, den Energieverbrauch ihrer Gebäude systematisch zu erfassen und um bis zu 20 Prozent zu senken. Wichtig dabei: Wir stellen den Kommunen nicht einfach nur eine Software bereit. Bei der LEKA MV entsteht aktuell eine Servicestelle, die Kom.EMS im Land bekannt macht, den Kommunen das Werkzeug näherbringt und sie bei der Einführung begleitet. Beides zahlt auf das Ziel des Landes ein, bis 2045 klimaneutral zu werden und entlastet zugleich die kommunalen Haushalte.

Worauf freust du dich in den kommenden Jahren am meisten und wo siehst du die LEKA MV zum 20. Geburtstag?

GW: Ich freue mich auf jede Gemeinde, die wir dabei begleiten dürfen, von der Energiewende zu profitieren; davon gibt es noch viele im Land. Das Potenzial ist enorm: Die Studie des Bundeswirtschaftsministeriums prognostiziert, dass sich die regionale Wertschöpfung aus erneuerbaren Energien bis 2033 mehr als verdoppeln kann, wenn die Ausbauziele erreicht werden, und sieht besonders große Chancen in Mecklenburg-Vorpommern. Daran wollen wir gern weiter mitarbeiten. Nach zehn Jahren sind wir breiter aufgestellt als je zuvor, und die Nachfrage nach unseren Beratungen wächst. Zum 20. Geburtstag wünsche ich mir, dass die finanzielle Beteiligung an erneuerbaren Energien im ganzen Land selbstverständlich geworden ist und Mecklenburg-Vorpommern seine Rolle als einer der führenden Energiestandorte Deutschlands weiter gefestigt hat. Daran arbeiten wir jeden Tag, kostenlos und neutral.

Vielen Dank für das Gespräch, Gunnar! Wir freuen uns auf die nächsten zehn gemeinsamen Jahre.

Ein Einblick in zehn Jahre LEKA MV:

Zusammenfassung

Die Landesenergie- und Klimaschutzagentur Mecklenburg-Vorpommern GmbH (LEKA MV) wurde am 24. Juni 2026 zehn Jahre alt. Im Interview blickt Geschäftsführer Gunnar Wobig auf die Entwicklung der Agentur zurück: 2016 vom Landtag gegründet, um das bundesweit erste Bürger- und Gemeindenbeteiligungsgesetz in die Praxis zu bringen, berät die LEKA MV heute mit 13 Fachkräften in Stralsund, Schwerin und Neustrelitz Kommunen, Unternehmen sowie Bürgerinnen und Bürger – kostenlos und neutral. Seit der Gründung gab es 3.048 Beratungen; rund 220 Millionen Euro fließen über das Beteiligungsgesetz an Gemeinden und Einwohnende. Das 2026 novellierte Gesetz legt Standardbeträge fest und bezieht erstmals Solarparks ein. Mit dem Verbundprojekt BEEKOMM und dem Energiemanagement-Werkzeug Kom.EMS baut die LEKA MV ihr Angebot im Jubiläumsjahr aus. Gunnar Wobigs Bilanz nach zehn Jahren: Finanzielle Beteiligung schafft Anreize, aber echte Akzeptanz entsteht nur, wenn die Menschen vor Ort einbezogen werden.