Energiewende selbst gestalten

Energiewende selbst gestalten

Auf einen Schnack mit der neu gegründeten Bürgerenergiegenossenschaft „Wir-in-17498Neuenkirchen eG“

Im Dezember 2022 gründete sich in Neuenkirchen bei Greifswald die Wir-in-17498Neuenkirchen eG – kurz WiN. Die LEKA MV hat mit den WiN-Initiatoren Andreas Dinklage (Wissenschaftler am Max-Planck-Institut und an der Uni Greifswald und Einwohner Neuenkirchens) und Matthias Stoy (Gemeindevertreter und aktives Mitglied des Kirchengemeinderates) gesprochen.

Das Schlagwort Bürgerenergie ist aktuell in aller Munde. Wie war es bei euch, wie kamt Ihr auf die Idee, eine Energiegenossenschaft zu gründen?

Andreas Dinklage: Hier in der Gegend werden riesige Solarparks gebaut. Die Planungen waren sehr umstritten: Es kommt ein Investor, bebaut viele Hektar mit Solaranlagen, schöpft natürlich auch die Gewinne ab und die Leute stehen dann davor und sagen: „Ja, was habe ich jetzt davon?“ Daher wollen wir den Menschen vor Ort Teilhabe ermöglichen. Uns war schnell klar: Man kann – wie wir – die Energiewende weltanschaulich an sich gut finden, aber sie muss auch wirtschaftlich betrieben werden. Es hat sich herausgestellt, dass das Genossenschaftsmodell eine Unternehmensform ist, die mit unseren Vorstellungen sehr gut harmoniert.

Matthias Stoy: Wir fanden den Gedanken spannend, Leute zusammenzubringen, die was verändern wollen und die sagen: „Wir müssen aber mal was vor Ort tun beim Thema Energiewende!“ Und die sammeln wir jetzt mal und legen gemeinsam los.

Andreas Dinklage: Genau, die Genossenschafts-Mitglieder sollen mit Neuenkirchen verbunden sein, sie sollen sich mit Neuenkirchen identifizieren. Wir wollten den Nutzen der Energiewende vor Ort spürbar machen, zum Beispiel der Gemeinde günstigeren Strom anbieten können. Deswegen ist die Gemeinde auch mit dabei.

Wie seid ihr gestartet? Was waren die Schritte bis zur Gründung?

Andreas Dinklage: Die Geburtsstunde war im Sommer 2021 bei einem privaten Wohnzimmer-Meeting. Wir hatten vorher einen Spaziergang durch die Gemeinde gemacht und uns gefragt: Warum sind hier eigentlich keine Solaranlagen auf dem Kindergarten und auf der Schule?

Es folgten Gespräche mit der Gemeinde. Dabei haben wir erkannt, dass wir einen gordischen Knoten durchschlagen mussten – konkret ging es um die Kommunalfinanzierung. Die Gemeinde wollte das zwar gerne machen, aber im Prinzip ist sie finanziell nicht handlungsfähig genug. Dann haben wir beim Amt angefragt, ob wir bestimmte Energieverbrauchsdaten bekommen könnten. Auch dies gestaltete sich schwierig, weil wir erstmal gegenseitig verstehen mussten, was wir voneinander wollen. Das war für uns alle ein lehrreicher Prozess. Wir mussten uns schlau machen: Wer ist woran überhaupt beteiligt? Auf wen muss man zugehen? Mit wem muss man kommunizieren, damit man die einzelnen Hürden überwindet?

Es folgte die Projektausarbeitung, dann der Antrag für die Genossenschaftsbeteiligung in der Gemeindevertretung. Wir mussten das technische Projekt entwickeln und letztlich die eigentliche Genossenschaft gründen. Ein großes Thema war es, die Satzung zu formulieren. Am Ende spiegelt sich darin wider, wie der ‚Geist‘ der Genossenschaft aussieht: Wir wollen viele Leute mitnehmen, daher haben wir kleine Anteile. Wir wollen vor Ort handeln, daher sollen die Leute einen engen Bezug zu Neuenkirchen haben. Dann ging die ganze Sache an den Genossenschaftsverband. Von diesem Punkt an waren dann die Schritte fast ritualisiert, die dann zur Gründung der Genossenschaft Anfang Dezember 2022 führten.

Das klingt nicht ganz einfach. Was hat euch bei diesem Prozess weitergeholfen?

Andreas Dinklage: Ich bin zwar Wissenschaftler und setze mich viel mit Energie auseinander, aber von der konkreten Umsetzung habe ich keine professionelle Ahnung. Matthias und ein anderer Gemeindevertreter haben mich konkret auf die LEKA MV hingewiesen. Ich glaube, Bürgerenergie ist nicht genau das Kerngeschäft von LEKA MV, aber die Gespräche mit der Kommunalberatung waren super informativ und hilfreich. Nach der Idee zur Gründung bin ich also dem Tipp der LEKA MV gefolgt, den Kurs Solidarisch wirtschaften – Genossenschaften gründen zu besuchen. Das war sehr hilfreich, um den Prozess zu überblicken. Für uns hat sich eine Blaupause ergeben und wir haben den vorskizzierten Prozess abgearbeitet.

Das besondere bei der WiN ist ja, dass die Kommune bei euch mitwirkt. Warum habt ihr euch dafür entschieden?

Andreas Dinklage: Für uns ist die Gemeinde ein zentraler Akteur in der Neuenkirchener Gemeinschaft. Die Gemeinde entscheidet über die wesentlichen Aspekte, die alle angehen. Daher haben wir vermutet, dass alles schneller und einfacher funktioniert, wenn die Gemeinde Genossenschaftsmitglied wird. Und weil die Gemeinde mit im Boot sitzt, haben wir direkte Ansprechpartner für unsere Kooperationen, zum Beispiel in der Kita. Insbesondere bei der Ansprache der Ämter und der Behörden war die enge Zusammenarbeit mit der Gemeinde sehr hilfreich, weil die Ämter ja die Beschlüsse der Gemeinde umsetzen. Und nicht zuletzt hat die Gemeinde viel mitzubringen, weil sie über die kommunalen Dachflächen und Liegenschaften verfügt.

Was sagt denn die Kommunalverfassung dazu, dass die Gemeinde ein Mitglied der Genossenschaft ist?

Andreas Dinklage: Die Möglichkeit der Einbindung einer Gemeinde in eine Genossenschaft wird durch die Kommunalverfassung in Mecklenburg-Vorpommern bestimmt. Gemeindeinteressen müssen ausreichend bei solchen unternehmerischen Beteiligungen vertreten sein. Es war unsere Aufgabe herauszufinden, wie die Einbeziehung der Gemeinde gewährleistet werden kann. Anhand von Beispielen in Süddeutschland haben wir gesehen, dass es dort kommunalrechtlich funktioniert, die wirtschaftlichen Interessen der Gemeinde vernünftig zu repräsentieren. Wir sind in enger Abstimmung mit dem Städte- und Gemeindetag MV und der unteren Rechtsaufsichtsbehörde, also der Kommunalaufsicht, auf die Lösung gekommen, der Gemeinde einen Sitz im Kontrollgremium – dem Aufsichtsrat – anzubieten.

Wie hat die Gemeindevertretung den Prozess begleitet?

Matthias Stoy: Die grundsätzliche Idee zur Gründung einer Energiegenossenschaft wurde positiv aufgenommen. Der Konsens, dass unser Projekt Unterstützung bedarf, war zügig da und die Mitglieder der Gemeindevertretung waren dankbar dafür, dass sich jemand ernsthaft mit dem Thema befasst. Selbstverständlich gab es Diskussionen. Eine Satzung ist lang und muss sorgfältig betrachtet werden. Einzelne Punkte wurden wirklich sachlich und konstruktiv diskutiert, sodass die Satzung und die Beteiligung mit großer Mehrheit in der Gemeindevertretung beschlossen wurden.

Am 5.12.2022 erfolgte eure Gründung. Wie viele Mitglieder habt ihr jetzt? Wieviel Kapital habt ihr eingesammelt und wann legt ihr los?

Andreas Dinklage: Wir haben mit 21 Leuten die Gründungsversammlung abgehalten und haben weitere Mitgliedsanträge erhalten, sodass wir jetzt schon über 30 Genossinnen und Genossen sind. Die Einwohner waren in einem beeindruckenden Maß bereit, uns einen Vertrauensvorschuss zu geben und ihr eigenes Portemonnaie aufzumachen.

Wir haben bisher 44.000 Euro an gezeichneten Anteilen zusammen. Wir haben also gleich in der ersten Versammlung so viel Kapital eingesammelt, um das erste Projekt umsetzen zu können. Wenn wir die formalen und rechtlichen Voraussetzungen mit der Ausschreibung und der baurechtlichen Umsetzung geklärt hätten, könnten wir im Prinzip direkt loslegen. Ich finde, das ist eine sehr, sehr wichtige Nachricht: Bürger sind bereit, sich signifikant an der Energiewende zu beteiligen – wenn sie eingebunden sind und von der Sinnhaftigkeit der Projekte überzeugt sind.

Was hat das alles bis zur Gründung gekostet und wie habt ihr das Geld zusammenbekommen?

Andreas Dinklage: Wir haben die Arbeit ehrenamtlich gemacht. Das war auch eine super Erfahrung. Viele Leute waren erstmal skeptisch: Was kann ich beitragen? Aber im Verlauf der Gründung waren nicht nur technische Kenntnisse gefragt, sondern auch andere Fähigkeiten: Wer kann eine Webseite machen? Wer kann Flyer und Logos entwerfen? Wer liest sich die Satzung durch? Wer kann betriebswirtschaftlich kalkulieren? Kosten haben wir systematisch vermieden: Die Webseite haben wir zum Beispiel in existierende Webseiten integriert, die Aufwendungen für Büromaterial haben wir privat gestemmt. Aber sobald wir im Genossenschaftsregister eingetragen sind, werden Beratungs- und Mitgliedskosten in Höhe von ca. 5.000 Euro fällig.

Ihr seid eine von nur wenigen Energiegenossenschaften in MV. Was glaubt ihr, warum gibt es so Wenige bei uns?

Andreas Dinklage: In Relation zur Einwohnerzahl von MV betrachtet, ist die Anzahl von Energiegenossenschaften pro Kopf wirklich viel kleiner als in anderen Bundesländern. Es gibt hier diese genossenschaftliche Tradition nicht, die es in Baden-Württemberg, in Hessen oder in Rheinland-Pfalz schon sehr lange gibt. In Rheinland-Pfalz gibt es beispielsweise einen eigenen Dachverband, der auch politisch von der Landespolitik sehr stark gefördert wird. Es gibt Strukturen, die die Gründung von Energiegenossenschaften unterstützen. So etwas wäre auch für Mecklenburg-Vorpommern großartig.

Was hat euch dabei geholfen, diese strukturellen Defizite zu überkommen?

Andreas Dinklage: Wir haben ein Mini-Netzwerk mit Leuten aus Upahl, Boizenburg und Bad Doberan. Am Anfang braucht es eine gewisse Aktivierung und viel Energie, um loszulegen. Bei uns haben Leute wie Matthias oder auch der Vorsitzende des Umwelt- und Klimabeirats der Gemeinde, Martin Nätscher, unser Bürgermeister Frank Weichbrodt und unser Bankexperte Micha Heitkamp gesagt: „Das ist so super, das müssen wir unbedingt machen!“

Was in MV fehlt, ist ein Angebot von Unterstützung bei all den Punkten, die uns viel Zeit gekostet haben: Muster-Satzungen müssten zur Verfügung stehen, man müsste einen Ansprechpartner für die Gemeindeeinbindung haben, eine Vermittlung mit ähnlichen Aktivitäten zum Erfahrungsaustausch wäre super. Entsprechende Angebote wären sehr förderlich, um auch in MV eine höhere Anzahl von genossenschaftlichen Projekten zu erzielen.

Unsere Leserinnen und Leser sind ja vor allem kommunale Vertreter aus Mecklenburg-Vorpommern, die vielleicht auch mit dem Gedanken an eine Energiegenossenschaft spielen. Was würdet ihr ihnen mit auf den Weg geben wollen?

Andreas Dinklage: Man muss ins Gespräch kommen und im Gespräch bleiben. Man muss verstehen, wie vor Ort Sachen funktionieren. Welche Personen und Gremien treffen welche Entscheidungen? Wer muss überzeugt oder ins Boot geholt werden? Welche Erwartungen und Möglichkeiten haben die Beteiligten? Man muss verstehen, dass die Energiewende ein Sprungbrett, eine Riesenchance sein kann. Unsere bisherige Erfahrung zeigt, dass viele Leute überzeugt sind, dass wir handeln müssen. Viele Leute wollen sich aus freien Stücken beteiligen und wollen so Verantwortung übernehmen. Sie sind froh, dass wir das zusammen mit Trägern öffentlichen Interesses machen – das zeigt ja auch unsere Gründung. Denn es gibt fundamentale Mehrwerte für die Gemeinde und die Genossenschaftsmitglieder: eigene Beiträge gegen den Klimawandel, wirtschaftlicher Nutzen, konstruktives Miteinander und Teilhabe. Das eigene Erleben, die eigene Beteiligung führt zu einer viel fundierteren Akzeptanz der Energiewende. Und mit den Bürgern an Bord erschließen sich für klamme Gemeinden und stark belastete Ämter neue Möglichkeiten: Engagement, privates Kapital und Know-how. Denn eins ist klar: Jede Solarzelle, jedes Windrad ist ein Schritt in die richtige Richtung. Gemeinden und Bürger müssen sich fragen „Wie kommen wir gemeinsam voran?“.

Matthias Stoy: Das Wichtigste ist, dass man die richtigen Leute an einen Tisch holt – nicht zu viele, nicht zu wenige und eine gute Mischung, quasi einen Querschnitt des Ortes. Und man muss gleich zu Beginn ein wirklich engagiertes Team aufstellen, das andere motiviert und dafür sorgt, dass es zügig vorangeht.

Ich danke euch sehr für das Gespräch und wünsche euch viel Erfolg bei den nächsten Schritten!

 

Das Interview führte Lea Baumbach

 

Weitere Informationen zur WiN unter https://wir-in-17498neuenkirchen.de sowie auf Instagram unter www.instagram.com/wir_in_17498neuenkirchen.


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