Solarpanele vor Windpark

Viola Tonn ist Bürgermeisterin der Gemeinde Wöbbelin im Landkreis Ludwigslust-Parchim. Seit 2009 leitet sie die Geschicke der Kommune und hat dabei eine Vision: die klimaneutrale Energieversorgung Wöbbelins mit erneuerbaren Energien. Inzwischen gibt es eine Photovoltaik-Anlage (PV-Anlage), die Strom ins Netz einspeist und schon bald soll es auch einen eigenen Windpark geben. Vier Anlagen in unmittelbarer Nähe zum Ort sind geplant. Mit uns teilte die 53-Jährige ihre Erfahrungen aus den langjährigen und schweren Bemühungen hin zur eigenen Energieversorgung und erzählte, wie man es in Wöbbelin mit Bürgerbeteiligung, Akzeptanz und Widerständen hält.

Frau Tonn, Sie haben die Vision von der klimaneutralen Energieversorgung Wöbbelins. Wie kam es zu dieser Idee?
Sie sagen es schon richtig – Vision. Ich bin seit 2009 Bürgermeisterin und war auch davor schon sehr kommunalpolitisch aktiv, sodass ich mich schon lange mit der Zukunft dieser Gemeinde befasst habe. Das umfasst viele Themengebiete. Eines davon ist die Energiewende. Wir wollen uns als Gemeinde daran beteiligen, wollen ein Energiedorf werden und gemeinsam für die Energiewende einstehen. Wir machen das für die Zukunft unsere Kinder und Kindeskinder – und das ist es, was mich motiviert.

Und wann hat die Umsetzung konkret begonnen?
Das war 2011/2012. Zunächst habe ich geschaut, welche Voraussetzungen wir hier vor Ort haben. Ich habe mir natürlich dann die Gemeindevertreter dazu geholt und diese, auch mit vielen Gesprächen, am Ende überzeugen können. Wir entschieden uns für PV-Anlagen und Windkraft. Wir beschlossen in der Gemeinde ein Zielabweichungsverfahren und verteilten Fragebögen an die Bürger. Das war im Jahr 2013. Wir als Gemeindevertretung haben uns in Schulungen zu dem Thema fit gemacht und haben zugleich immer wieder viele Bürgerversammlungen abgehalten. Gemeinsam mit der Naturstrom AG mit Hauptsitz in Düsseldorf haben wir dann die Zusammenarbeit begonnen.
Ab 2014/2015 bekundeten wir dann als Gemeinde über den Teilflächennutzungsplan auch unseren Willen, uns zu beteiligen. Es folgten viele Beteiligungsstufen. Der Weg war sehr langwierig aber ich wusste immer, wofür wir das machen.

Was genau muss man sich unter diesen Fragebögen vorstellen?
Es ging darum: Was ist den Bürgern wichtig, was unwichtig? Gibt es Befürchtungen und Ängste? Und es wurde gefragt, wie transparent wir unsere Vorhaben gestalten sollen. Die waren wirklich aufschlussreich. So wussten wir, was unsere Bürger wollen und auch wie sie informiert werden möchten. Seitdem bringen wir beispielsweise ein regelmäßiges Informationsblatt heraus, indem wir immer über aktuelle Entwicklungen informieren.

Und auf welchem Stand ist Ihre Gemeinde jetzt, was die Eigen-Energieversorgung betrifft?
Wir haben eine Gesellschaft mit der Naturstrom AG gegründet – die Naturstromversorgung Wöbbelin GmbH & Co. KG. Diese umfasst eine Vereinbarung, in der wir die für uns gemeinsam wichtigen Punkte festgehalten haben. Dieses Verfahren war wirklich nicht einfach. Gerade als Kommune ist es schwierig, sich als Eigenbetrieb zu betätigen, das muss ich an dieser Stelle dazu sagen. Diese Gesellschaft hat unsere Vorhaben dann aber stark nach vorn gebracht.

So gehört zu unserer Gemeinde ein Gewerbegebiet, welches tatsächlich 20 Jahre lang ruhte. Wir hatten beschlossen, dies für eine PV-Anlage zu nutzen. Die Naturstromversorgung Wöbbelin GmbH & Co. KG ist Betreiber dieser Anlage. Wir als Gemeinde haben Anteile daran und bekommen jedes Jahr eine feste Pacht. Unser Hauptziel war es, diesen daraus erzeugten Strom für unsere Straßenbeleuchtung zu nutzen. Die haben wir im Übrigen schon komplett auf LED umgerüstet. Das funktioniert so aber noch nicht. Gesetzlich ist es so, dass wir den Strom stattdessen einspeisen müssen. Seit Ende 2015 speisen wir somit Strom ein. Unser Hauptziel ist es aber, irgendwann diesen einmal selbst vollständig zu nutzen. 2019 haben wir eine erste E-Tankstelle in der Gemeinde installiert, um auch nach außen zu zeigen: Hier passiert etwas!

Aktuell sind wir dabei, ein Windkraftprojekt umzusetzen. Es könnte klappen, dass wir Ende dieses Jahres bzw. Anfang 2021 vier Windkraftanlagen auf Gemeindefläche errichten können. 2017 haben wir dafür die Bürgerwindparkgesellschaft Wöbbelin GmbH & Co. KG gegründet, an der fast ausschließlich Bürger aus dem Ort oder Nachbargemeinden beteiligt sind.

Sie haben nun schon mehrfach die große Akzeptanz Ihrer Projekte angesprochen. Gab es wirklich von Anfang an diesen großen Zuspruch oder hatten Sie auch mit Widerstand zu kämpfen?
Nein, nicht von unseren Bürgern. Das hat mich auch immer etwas verwundert. Aber wir haben diese eben auch von Beginn an mit ins Boot geholt. Wir haben immer wieder informiert und Aufklärung betrieben. Es kamen eher Nachfragen, wie das alles funktionieren kann zum Beispiel.

Es waren tatsächlich mehr die Nachbargemeinden, die gegen unsere Vorhaben waren. Hinzu kam eine Bürgerinitiative aus Ludwigslust, die sich für Denkmalschutz einsetzt. Dabei ging es hauptsächlich darum, dass laut dieser Initiative vom Schloss Ludwigslust aus die Windräder zu sehen sein würden. Das sollte nicht sein und das wird so auch nicht sein. Daher haben wir ein Gutachten erstellen lassen, welches belegt, dass dies auch nicht der Fall sein wird. Damit legte sich dieser Widerstand. Einen starken Gegner aus dem Kreistag haben wir noch, der noch immer massiv gegen uns vorgeht. Aber generell hielt und hält es sich in Grenzen. So hatten wir zum Beispiel auch bei unseren Offenlegungen der Beteiligungsverfahren kaum Einwände.

Können Sie sich das erklären? Warum protestieren die Bürger Ihrer Gemeinde nicht, wenn geplant ist, vor Ort Windkraftanlagen errichten zu lassen? Was ist bei Ihnen anders?
Ja, das kann ich. Wir haben die Bürger immer mitgenommen. Sie fühlten sich wertgeschätzt. Zudem gibt es eine wirtschaftliche Teilhabe. Jeder Bürger konnte und kann sich beteiligen. Und wenn man das anbietet, haben die Bürger einen lokalen Bezug zur erzeugten Energie und stimmen dem eher zu. Zudem haben wir bei unserem Windpark aus der gesamten Fläche eine Poolfläche gebildet. Daran grenzen so nun ganz viele kleine private Flächen an. Die Hauptfläche gehört der Gemeinde. Drumherum gehören die Flächen aber größtenteils Bürgern. Und all diese Eigentümer profitieren dann davon.

Auch ist der Standort des Windparkbetreibers die Gemeinde Wöbbelin – so bleiben bei uns vor Ort die Steuereinnahmen. Natürlich spielt auch die Standortauswahl eine Rolle. Wir hätten das ja nicht auf jeder dafür geeigneten Fläche gemacht! Der Windpark ist südlich des Ortes, die meisten Häuser sind aber in Ost-West-Richtung ausgerichtet. Das heißt: Kaum ein Anwohner hat tatsächlich Sichtkontakt zu den Windrädern. Die wenigsten werden diese also beim Blick aus dem Fenster sehen können.

Wie genau sieht die von Ihnen angesprochene Beteiligung aus?
Zum einem werden die Bürger, denen Flächen des Windparks gehören, finanziell beteiligt. Sie bekommen jährlich eine festgeschriebene, prozentuale Summe. Weiterhin können sich alle Bürger auch direkt an der Bürgerwindparkgesellschaft beteiligen und profitieren somit direkt von den Gewinnen. Genaues dazu wird aber erst noch nach unseren Vorstellungen ausgestaltet. Außerdem können wir als Gemeinde natürlich durch mehr Einnahmen in eine bessere Infrastruktur investieren. So wollen wir zum Beispiel eine neue Kita bauen, Straßen erneuern. Da profitieren die Bürger letztendlich ja auch.

Trotz aller positiven Erfahrungen und Fortschritte ist herauszuhören, dass der Weg, den Sie und Ihre Kommune gingen, nicht leicht war. Was waren bisher die größten Schwierigkeiten?
Schwierig war es beispielsweise, überhaupt an die Flächen für den Windpark zu kommen. Diese sind ja über viele Jahre verpachtet. Wir mussten also die Zustimmung vom Pächter einholen und uns einigen, wie und wo genau die Windräder errichtet werden können. Auch mit der Kommunalaufsicht ist es schwierig gewesen. Für die war das, was wir machen wollten ja ein völlig neues Gebiet.

Dann war auch noch der Kreistag dagegen und wollte uns das Gebiet für den Windpark streichen. Auch hatten wir einige Einwände gegen die Windräder, selbst wenn diese nie begründet werden konnten. Der Denkmalschutz musste zum Beispiel berücksichtigt werden, weil wir eine KZ-Gedenkstätte haben, die zu Wöbbelin gehört. Auch der Arten- und Naturschutz wurde vorgetragen. Entsprechende Gutachten, die viel Zeit gekostet haben, mussten dafür erstellt werden. Das hat alles sehr lang gedauert.

Als Gemeinde war das sicher schwierig zu stemmen?
Ja, absolut. Wir haben uns deshalb ja auch einen Partner gesucht, der deutschlandweit mit so etwas Erfahrung hat und dies auch nicht zum ersten Mal macht. Wir haben als Ehrenamtliche ja gar nicht all die rechtlichen Kenntnisse, die da gebraucht werden. Und wir hätten das Geld für die geforderten Gutachten gar nicht gehabt. Auch das Energieministerium hat uns viel Unterstützung entgegengebracht und uns nötige Wege geebnet. Ich glaube, wir hätten sonst sicher irgendwann aufgegeben. Eine Kommune allein, die nur aus Ehrenamtlichen besteht, kann das nicht leisten. Sie muss sich Partner suchen, die offen und ehrlich mit ihr umgehen.

Wie ist denn ganz allgemein und kurz zusammengefasst für eine Gemeinde das Vorgehen, wenn sie sich selbst mit Energie versorgen möchte?
Erst einmal muss die Kommune die Gemeindevertreter hinter sich haben. Wenn ich das nicht habe, brauche ich gar nicht anfangen. Dann muss man sich als nächstes über die Voraussetzungen klarwerden. Einige Gemeinden haben vielleicht viel Wald, der sich für Hackschnitzel eignet, andere haben gute Windgebiete. Da muss man eben individuell schauen: Was möchten wir? Was sind unsere Ziele? Und dann muss ich mir erfahrene Partner in der Kommunalverwaltung suchen und in den Ministerien und man lotet seine Möglichkeiten aus. Und natürlich die Bürger nicht vergessen! Die sind es, die man als erstes berücksichtigen sollte.

Sie machen in der Gemeinde nun schon sehr viel fürs Klima. Haben Sie noch weitere Pläne?
Natürlich – wir haben viele Pläne. Wir haben seit Dezember 2019 ein Wärmekonzept mit einem Speicherkraftwerk hier in Wöbbelin erstellt, sodass wir auch noch dezentrale Wärme vor Ort haben können. Das haben wir als Gemeinde bereits angeschoben und wollen auch beteiligt sein. Wir haben es aber an Investoren gegeben, damit wir uns nicht um Dinge wie Kommunalaufsicht und so weiter kümmern müssen. Wir haben den Weg geebnet und sind nun auf der Suche nach einer geeigneten Fläche. Dieses Vorhaben wird uns die nächsten Jahre beschäftigen.

Zudem wollen wir unser Grundschule CO2-frei gestalten, wollen den See gern als Naturschutzgebiet aufrüsten – wir können sehr viel tun. Wir wollen aber erstmal die großen Dinge realisieren, damit wir auch mehr regelmäßige Einnahmen haben, um ein paar schöne Projekte durch die Windenergie zu realisieren. Es wird nicht langweilig. Wir haben noch viel vor!

Haben Sie noch einen Tipp für alle Kommunen, die es Ihnen nachmachen wollen?
Nicht aufgeheben heißt die Devise. Wie schon gesagt, es ist hart. Aber man muss dranbleiben – das Engagement lohnt sich.

Viola Tonn, Bürgermeisterin Gemeinde Wöbbelin

Mehr über unsere Interview-Reihe

Es gibt inzwischen immer mehr Menschen, die sich für die Energiewende einsetzen und den Ausbau der erneuerbaren Energien voranbringen wollen – in der Region, aber auch außerhalb der Landesgrenzen Mecklenburg-Vorpommerns. Wir von der LEKA möchten diese Menschen kennenlernen, mit ihnen ins Gespräch kommen – auf einen kurzen Schnack zur Energiewende. Wir wollen ihre Motivation erfahren, über Pläne und Schwierigkeiten sprechen. Zum Auftakt trafen wir uns, zu diesen besonderen Zeiten ganz klassisch am Telefon, mit Viola Tonn, der Bürgermeisterin der Gemeinde Wöbbelin.

Engagieren Sie sich auch für die Energiewende und möchten Ihre Erfahrungen teilen? Dann melden Sie sich bei uns – auf einen Schnack mit der LEKA!

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